Das Ende einer Ära

Gemeinsam Eltern bleiben - Ein Leben lang

Das Ende einer Ära

4. Januar 2017 Erziehung 0

»I was so nervous and scared about being a father in general, but now I was a single father and had to fulfill two roles. I wasn’t sure I could do it.”

Das ist wohl ein Gefühl, dass viele Menschen kennen, die das erste mal mit wirklicher Verantwortung konfrontiert sind, weil sie einen kleinen Menschen in diese Welt gebracht haben und diesen das erste mal im Arm halten. Selbst wenn sie planen ihn mit beiden Elternteilen groß zu ziehen, wird ihnen hier klar, was Verantwortung bedeutet. Zu mindestens war das bei mir so.

Ich erinnere mich noch, wie mein Sohn, ein Tag alt, ins Kinderkrankenhaus eingeliefert wurde…

Aus dem Stegreif musste ich lernen, die Autorität von Ärzten anzuzweifeln, denen es nur um ihre Belegungsstatistiken ging, wenn sie Risiken herbeiredeten, die faktisch nicht da waren. Sie versuchten meine Unsicherheit zu schüren. Sie versuchten mir Angst zu machen, weil ich ihn in ein anderes, elternfreundlicheres Krankenhaus verlegen wollte.

Ich erinnere mich noch an unseren Urlaub, zwei Monate nach der Trennung von seiner Mutter…

Nachdem er sich auf der Fahrt beim Schnitzen mit meinem Messer in den Finger geschnitten hatte, saßen wir am ersten Abend zusammen auf der Terrasse unserer Hütte. Er fragte mich, ob er zu mir nach Berlin zurückziehen könnte. Die »Frauen-WG«, in die seine Mutter mit ihm und seiner Schwester gezogen war, gefiel ihm nicht. Ich überlegte, was ich sagen sollte.Schließlich antwortete Ich: »Wenn du das wirklich willst, werden wir das schon hinbekommen«. Ein knappes Jahr später zog er »zur Probe« zu mir. Und dann nahm alles eine ganz andere Wendung.

Ich erinnere mich, wie ich mich mit seinem Orchesterlehrer stritt…

Wegen Störung des Unterrichtes hatte dieser ihn zu Strafarbeiten beim Hausmeister verdonnert. Mein Sohn langweilte sich. Der Lehrer hatte zwar seine Entscheidung im Orchester Percussion spielen zu wollen, akzeptiert, aber wochenlang übten sie Stücke ohne jeglichen Schlagzeugeinsatz. Ich wies ihn darauf hin, dass es seine Aufgabe als Musiker und Lehrer wäre, irgendeines der über 30 Percussioninstrumente, die das Orchester bot, auch einzusetzen, wenn er seinem Schüler diese Instrumente zur Auswahl stellte. Anschließend integrierte er in die schulische Inszenierung der Zauberflöte für meinen Sohn ein Stück fast ausschließlich für Percussion erzählte mir begeistert mit welcher Hingabe und Präzision mein Sohn seine Anweisung doch umgesetzt hatte.

Ich erinnere mich, wie mein Sohn nach Hause kam…

Er erzählte, er dürfe nicht mehr in der Kantine essen. Jemand hatte behauptet, er hätte einen Lolly geklaut. Dabei hat er sich nur einen Plastiklöffel mitgenommen, um nach dem Sportunterricht seinen Jogurt zu essen. Die Kantinenbetreiberin erzählte mir, wie enttäuscht sie von meinem Sohn war. Sieben Zeugen hätten den Diebstahl bestätigt. Ich würde meinem Sohn keinen Gefallen tun, wenn ich ihn jetzt in Schutz nähme. Ich habe ihr daraufhin erklärt, dass Sie gefälligst ihre »Zeugen« noch einmal fragen sollte, was diese wirklich gesehen haben. Ich wusste, dass mein Sohn aufrecht genug war, um für seine Fehler einzustehen. Die schwerste Aufgabe eines Richters vor der Verurteilung ist es schließlich herauszubekommen, was die Aussagen der Zeugen wirklich wert sind. Am nächsten Tag rief mich die Frau an. Sie entschuldigte sich vielmals. Bei erneuter Nachfrage kam heraus, dass nur einer ihrer »Zeugen« wirklich etwas gesehen haben wollte. Ob mein Sohn aber nun einen Lolly oder einen Plastiklöffel mitgenommen hatte, konnte der auch nicht sagen.

Ich erinnere mich, wie meine Tochter auf die Idee kam, als Achtklassprojekt einen Zombiefilm zu drehen…

Und mich alle Eltern fragten mich, wie ich sowas unterstützen könnte. Aber ich fand den medienpädagogischen Aspekt sehr interessant und fragte meinen Sohn, ob er mit bei den Spezialeffekten helfen konnte. Es beeindruckte mich sehr, wie schnell er aus Latex Milch und Kunstblut erstaunliche Masken erzeugte und wie er zum nächsten Halloween so auftrat:

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Ich erinnere mich, wie meine Ex sich nach vier Jahren gegen das Wechselmodell entschied…

Ich stand plötzlich innerhalb kürzester Zeit alleinerziehend da. Plötzlich ging es mir wie Richard Johnson aus dem oben zitierten Artikel. Ich fragte mich, ob ich das überhaupt konnte, plötzlich für meine beiden Kinder als Hauptbezugsperson da zu sein, und plötzlich alle Probleme alleine zu händeln, die man sonst sinnvollerweise zwischen Vater und Mutter aufteilte. Nebenbei noch eine Beziehung auf die Reihe zu bekommen, die ich als 50% Vater begonnen hatte.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Sohn aneinandergeriet…

Er war frustriert von seinem Schulalltag. Zwei Jahre vor dem Abitur wollte er die Schule schmeißen. Ich sagte ihm: »Du willst Verantwortung für dein Leben übernehmen? Bitte sehr …« Ich drückte ihm 300€ in die Hand und setzte ihn für einen Monat vor die Tür.

In keiner dieser Situationen wusste ich, ob meine Entscheidungen pädagogischen Konsens traf. Jedesmal habe ich gezweifelt, ob meine Entscheidung richtig war. Aber wer mit diesem Zweifel nicht klar kommt, sollte vielleicht besser keine Kinder bekommen. Ich lernte irgendwann, dass es wichtiger war das zu tun, was meine Intuition für das Richtige hielt. Egal ob Menschen um mich herum Erziehungsratgeber zitierten, nach denen man so etwas nicht machen dürfte.

Nun hat mein Sohn quasi auf der linken Pobacke sein Abitur gemacht. Sein Lehrer bemerkte in der Abiturrede »seinen bemerkenswert effektiven Umgang mit seinen Ressourcen«.

Nun hat er sein Zimmer leer geräumt, um in seine erste WG in einer alten Bauernkate zu ziehen, die er mit seinen Freunden renoviert hat.

Nun steht er auf eigenen Füßen. Zwar nur einen Steinwurf von zu Hause entfernt, aber in eigener Verantwortung für sein Leben. Beim Stromanmelden durfte ich noch helfen, aber ab jetzt geht es alleine.

Klar, zum Netzwerkeinrichten fahre ich nochmal vorbei.

Ich werde auch weiterhin für die, früher immer so schmerzhaften Vater-Sohn-Gespräche zur Verfügung stehen, welche in der Vergangenheit oft seine Pläne und Ideen auf den Prüfstand gestellt haben.

Ich hoffe, dass das Vertrauen in sich und mich groß genug ist, damit er sie auch weiterhin suchen wird.

Und ich? Ich hoffe, dass ich meine Intuition in den letzten zwanzig Jahren nicht ganz so oft mißinterpretiert habe, so dass aus ihm der Mensch werden kann, der er immer sein wollte.

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